20. Dezember 2009

Ausgesetzt



Es wird laut, das große Frauchen schimpft wieder mit dem kleinen Frauchen.
Beide schauen mich an.
Schweigend läuft das kleine Frauchen an mir vorbei, den langen Flur hinunter, und verschwindet in ihren Zimmer.
Diesmal aber kein WUMMS von der Tür, wie sonst immer, wenn es Streit gibt.
Ich werd ihr mal hinterherlaufen.
Huch, das große Frauchen ruft mich, Gassi gehen.
Sowas macht sie selten, irgend etwas stimmt auch nicht mit ihrem Tonfall.
Gassi gehen mit Auto? OK, es ist so kalt an diesem Abend, da springe ich gerne gleich wieder auf einen warmen Rücksitz.
Wir fahren schon eine Weile, die hell erleuchteten Häuser der Stadt sind schon längst verschwunden, draußen sind nur noch die vielen weißen und roten Lampen der Autos zu sehen.
Das große Frauchen steuert den Wagen auf einen Parkplatz hinter einer Raststätte, wird auch Zeit, ich müsste schon langsam mal dringend das Bein heben.
Sie legt mir die Leine an und ich erleichtere mich erstmal an einer Laterne, an der sie mich auch sogleich festbindet.
Frauchen seufzt, schaut nochmal schweigend auf mich herunter.
Sie schließt die hintere Tür, steigt ein und fährt davon.
Was ist jetzt los? Sie fährt bestimmt das kleine Frauchen holen, bestimmt.
Da, da hinten kommt ein Auto über den Parkplatz gerollt, das Frauchen nimmt mich gleich wieder mit. Es sind aber nicht die Frauchen, nein ein großer stinkender LKW fährt wieder auf die Autobahn.
Mittlerweile hat es angefangen zu schneien, dicke Flocken tauchen ins Licht der Laterne.
Ich kuschle mich in meine Schlafdecke, die mir das große Frauchen noch hingelegt hat.

Jetzt sind schon Dutzende von Autos auf mich zu und an mir vorbei gefahren und die Abstände werden immer größer.
Wieder zwei Lichter am Ende des Parkplatzes, rasch kommen sie näher, das Fahrzeug wird langsamer und stoppt neben mir.
Das müssen die Frauchen sein, ganz bestimmt, sie haben mich nicht vergessen.
Freudig springe ich auf, schüttle mir den Schnee vom Fell und belle in Richtung Auto.
Aber keine Tür geht auf, aus dem heruntergelassenen Fenster schaut ein alter Mann mit viel Fell im Gesicht, er schaut mich an und schüttelt mit dem Kopf.
Das Fenster geht mit einem Surren wieder hoch, der Motor heult auf und das Auto verschwindet im Dunkeln.
Ich kann nicht verstehen was hier vorgeht.
Es gab nie Schläge oder Tritte, dafür habe ich nie gebissen oder auf den Teppich gepinkelt, bin ja gut erzogen.
Andere Frauchen und Herrchen haben mich wieder ins Tierheim zurück gebracht, mir noch den Kopf getätschelt und so Sachen gesagt wie "es hat nicht sollen sein" oder "der kleine hat noch nicht das Durchhaltevermögen, um sich um dich zu kümmern".

Inzwischen unterscheide ich schon die LKWs von den Autos am Geräusch, noch bevor ihre hellen Scheinwerfer mein schneebedecktes Fell streifen.
Keiner will zu mir.
Meine Decke riecht noch ein wenig streng nach der Handcreme, die das große Frauchen immer so oft benutzt, ich drücke mich so dicht an die Decke wie es nur geht.
Das kleine Frauchen legte Versprechen um Versprechen ab, unter dem Baum mit den vielen Lichtern.
Der Baum war nach einigen Wochen verschwunden, so wie ich langsam im Schnee verschwinde.
Es ist so bitter kalt, was hab ich getan?